Jamboree 1996 in Island Ausgabe 6

Mit zweifacher Beteiligung machten sich die Mitglieder der Gruppe 27 auf den Weg nach Island um am National Jamboree 1996 unter dem Motto „On the Viking Trail“ teilzunehmen.

Einerseits waren unsere Ranger mit der damaligen Leiterin Ulrike E. Hauer und andererseits unsere Altpfadfinder der frisch gegründeten Gilde Bonifaz Wohlmuth auf dem Jamboree zu finden. Hier bringe ich euch näher was diese beiden Teilnehmerteams zu berichten hatten.

Als erstes ein Kurzbericht der Gilde Bonifaz Wohlmuth mit ein paar Fotos dazu, dies hat sich auch mit der Gründung der Gilde überschnitten.

Vorerst möchte ich vom internationalen Islandlager berichten, an dem auch die Gilde teilgenommen hat. In der Woche vor dem Lager, erkundeten wir das Land auf sehr unterschiedliche Weise, fünf von uns mieteten sich einen Jeep, um so den Widrigkeiten des Wetters und des Straßenzustandes zu entfliehen, vor allem der Schutz vor ersterem wäre nicht unbedingt notwendig gewesen, da uns die meiste Zeit der Wettergott hold war. Uns gelang es, die Insel, die etwa einen Durchmesser von 300 km besitzt, mehr oder weniger zu umrunden, wobei wir die Westküste im wahrsten Sinne des Wortes links liegen ließen und die Rückfahrt durch das sehr karge Hochland bewältigen. Weitere Mitglieder erkundeten die Insel per Rad, zu Pferd und per pedes, zu den Reiserouten kann ich allerdings nichts weiter erzählen, da ich nicht dabei war. Wer jedoch Zeit und Lust über dieses Land, seine Schönheiten und unsere Erlebnisse mehr zu erfahren, hat dazu am 21.11.1996 Gelegenheit. Da veranstalten wir einen Diaabend, an dem Ihnen Bernhard Eckel und Thomas Baumgartner vielleicht eine Spur der Großartigkeit  dieser Insel vermitteln können – die Konservierung von Livegeschehnissen kann natürlich nie das intensive, direkte Erleben ersetzen (man muß sagen – Gott sei dank, da die Menschheit sonst zu einem lethargischen, passiven Haufen verkommt, der sich nie wieder aus seinen vier Wänden herausbewegt. Das soll allerdings jetzt keine Aufforderung sein, Sack, Pack, Kind und Kegel zu nehmen und nach Island zu fahren, schauen Sie sich das vorerst als „Bildkonserve“ an, weitere Informationen hier im Gruppenkurier).

Hier nun der Beitrag der Ranger. Was uns hier durch Bildmaterial fehlt, konnte Ulli durch genaue und auch emotionale Berichterstattung wieder wettmachen.

Hier kann man auch feststellen, dass unsere liebe Ulli (schöne Grüsse von der Redaktion) gerne ausführlich über ihre Abenteuer berichtet hat, da der gesamte Beitrag wahrscheinlich einen ganzen Papier Gruppenkurier gebraucht hätte. Und wenn jemand einen Reiseführer für Island benötigt kann ich nur Ihren Bericht empfehlen. Daher werden wir uns beim Bericht nur auf das Jamboree selbst konzentrieren, die Vorbereitungen und Reise durch Island davor sind gut im Archiv dokumentiert und nachzulesen.

On the Viking Trail

Wieder in Selfoss angekommen, traten wir nun die Anreise zum Lagerplatz am Ulfljotsvatn an, wo wir nun am „NATIONAL JAMBOREE – ON THE VIKING TRAIL“ teilnahmen.

Noch nicht einmal am Lagerplatz eingetroffen, trafen wir schon die ersten bekannten Gesichter – die Gilde und kurz darauf die RaRo der Gruppe 31. Nachdem wir uns gegenseitig mit voller Begeisterung die Erlebnisse der ersten Woche geschildert hatten, schlugen wir unser Lager auf, das sich später noch mit einer Gruppe aus Puchenau in Oberösterreich füllte. Es war teilweise unglaublich, mit welchem Materialaufwand so manche Gruppe auf ein Lager fährt – sogar in Großcontainern wurde das Lagerequipment aus Übersee angekarrt.

Die Lagereröffnung, die am Sonntag stattfand, erzählt von den Anfängen der Wikinger in Island und jede Gruppe hatte ein individuelles Wikingerschild vorbereitet. Das Programm für diese sah so aus, daß zunächst die Outdooraktivitäten wie Reiten, Fliegen, Hike, Gletscher, Golden Circle und dgl. Fixiert wurden und weiters waren wir aufgerufen sogenannte Jamboree-Service zu übernehmen. Dieses Service beinhaltete beispielsweise einen Tag im Schwimmbad Aufsicht zu haben, dem Rescue-Team beim Klettern, Abseilen, Waterworld, Erste Hilfe zur Hand zu gehen oder am Viking-life teilzuhaben.

Wir schütteln den Kopf…

Hier war es unsere Aufgabe mit Guides/Spähern Holz zu schnitzen, Metall zu verarbeiten, Eisen zu schmieden und vieles mehr. Die Ideen selbst waren an und für sich sehr gut und riefen bei den Kindern große Begeisterung hervor, bei uns allerdings eher Kopfschütteln, denn das Holz z. B. war absolut nicht zum Schnitzen geeignet und die Taschenmesser, mit denen die Kinder versuchten, Werkzeug herzustellen, waren eher Hilfsmittel zur Selbstverstümmelung. Auch unsere Kletterfreaks waren den Sicherungsmaßnahmen des Rescue-Teams beim Kletterturm eher skeptisch eingestellt.

— und trinken Kokomölk

Für die Adventure Scouts – so werden im angelsächsischen Raum Ranger und Rover genannt – gab es ein äußerst gemütlich und originell eingerichtetes „Café Hús“ à la Viking. Hier vertrieb man sich nach den zum Teil abenteuerlichen Erlebnissen des Tages die Zeit mit Kartenspielen oder bei einer Tasse „Kokomölk“ zu deutsch Kakao!

Der Lagerplatz war unter anderem auch mit einem Postamt, einer Bank, mit Telefonen, einem Shop und einem Sanitätszelt ausgestattet. Soweit so gut, nur mit den sanitären Einrichtungen hier im Speziellen Duschen waren praktisch nicht vorhanden – zu einem reinigendem Naß kam man also nur indem man in den Ulfljotsvatn, dem angrenzenden See mit max. 6 Grad Celsius, sprang oder indem man einen Tag Schwimmbad Wache schob – bis dorthin mußte man allerdings einen 3 km Fußmarsch in Kauf nehmen.

Extreme Kälte…

Der Ausflug zum Gletscher Langjökull, den wir mit Snowmobilen befuhren waren zwar extrem kalt, aber wirklich beeindruckend. Schon allein die dreistündige Autobusfahrt dorthin war mehr als abenteuerlich. Auf ziemlich engen Straßen – eigentlich Schotterstraßen – fuhren wir von einem Bergpaß zum anderen und passierten unter anderem Pingvellir, jenes Gebiet in dem das Aufeinandertreffen von alter und neuer Welt, von Europa und Amerika deutlich sichtbar wird. Kilometerlange Spalten von Nordosten nach Südwesten verlaufend, prägen die gesamte Gegend. Die eurasische Platte mit den westlichen Atlantikboden driftet von hier auseinander und das ca. 8 mm pro Jahr.

…höhenberauschendes—

Ein wirklich höhenberauschendes Erlebnis war das Navigieren einer Cessna. Mit dem Bus wurden wir zu einem nahegelegenen Flughafen gebracht wo wir dann zuerst einige Informationen über das Fliegen erhielten und im Anschluß daran kam es dann zum „learning by doing“. Vor besteigen der zweimotorigen Maschine wird ein Rundgang gemacht, bei dem Treibstoffarbe, Tragflügel, Bremsklappen usw. geprüft werden, danach erfolgt der Check-Up im Cockpit und schließlich kam es nach Freigabe der Starterlaubnis vom zum „take-off“. Unser Flug dauerte ca. 45 Minuten und führe uns über unseren Lagerplatz. Das Gefühl eine Maschine selbst zu steuern ist unbeschreiblich und keinesfalls mit Autofahren zu vergleichen.

Für den Freitag Abend hatte ich dann unsere Verleihungszeremonie geplant, bei der Monika Baumgartner und Sabine Weber ihr Pfadfinderversprechen erneuerten, indem sie dieses nach reiflicher Überlegung frei formuliert hatten. Elena Eipeldauer bekam für 21 Zeltnächte den Lagerknoten verliehen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge nahmen Birgit Lackner und Nani Odelga Abschied von der Rotte. Und zuletzt hatte noch unser Bernhard eine Überraschung parat: auch mir wurde für 21 Zeltnächte der Lagerknoten verliehen und noch dazu ein ganz besonderer, denn dieser wurde nicht nur von den Rangern angefertigt, sondern auch noch mit einem Lederanhänger, auf dem mein Vornahme steht, verschönert und er wird mich immer an dieses schöne Lager erinnern

… und Silbersterne im Haar

Nach all diesen tollen Erlebnissen rückte schließlich Odin’s Day immer näher. An diesem International Day sollte nun jede Gruppe ihr Land präsentieren und so entschloß man sich für Kaiserin Sissy alias Birgit mit Silbersternchen im Haar, ihr zur Seite Wolfgang Amadeus Mozart alias Bernhard mit passender Lockenperücke aus Altpapier, und ein Kuk Hofdiener ebenfalls mit Perücke alias Luke (Gr. 31). Neben einem Rundgang durch Wien boten wir unseren Besuchern „smashed Empire pancake“ sprich Kaiserschmarren, an.

Bei einem Spaziergang durchs Lagergelände hatte man nicht nur die Gelegenheit mit den Teilnehmern aus über 20 Ländern zu plaudern, sondern man lernte auch einiges über ihr Land und ihre Sitten und Bräuche kennen. Es war fast ein Fehler diesen Tag nicht schon am Anfang des Lagers begangen zu haben. Der nächste Tag war eher weniger erfreulich, denn gerade beim Lagerabbau mußte es regnen wie noch an keinem anderen Tag des Lagers. Dazu kam noch, daß wir dann letztendlich drei Stunden in naß-kaltem Zustand auf unseren Shuttle-Bus, der uns in ein „Scout-House“ nach Reykjavik, bringen sollte, warten mußten.

Reykavik…

Endlich im Warmen und Trockenem, planten wir dann unsere kommenden zwei Tage in Reykjavik.

Am Montag überzeugten wir uns von dem was die Hauptstadt Islands zu bieten hat – doch genau genommen ist man mit dem Wesentlichen Sehenswürdigkeiten in drei Stunden fertig. Trotz des anwachsenden Verkehrs, der ständig zunehmenden Einwohnerzahl und der damit verbundenen Ausdehnung der Stadt, dem kulturellen Leben und der verstärkten Selbstdarstellung als Kongreßort besitzt Reykjavik den Charm einer Kleinstadt. Zum einen mag es an der Bebauung liegen, denn Hochhäuser sucht man ebenso vergebens – das höchste Bauwerk in der Stadt ist der Turm der Kirche Hallgrimskirkja mit 76 m – wie einen architektonisch geschlossenen Stadtkern.

…bietet Beton…

Die zahlreichen modernen Beton-Einfamilien-Häuser und -Mehrfamilienblocks wirken meist sachlich und funktional. Die auffallend häufige Verwendung von Beton gründet auf seiner Elastizität, was bei den regelmäßig auftretenden Erdbeben in dem Gebiet nicht ohne Wichtigkeit ist. Zum anderen stößt man beim Spazierengehen immer wieder auf Plätze, die völlig unkultiviert wirken.

..und Wasser und Seife…

Am späten Nachmittag nahmen wir dann ein städtisches Schwimmbad unter die Lupe und genossen nach langem die reinigende Wirkung von Wasser und Seife. Für den nächsten Tag entschieden wir uns dann schließlich für einen Bummel durch Reykjavik nach individuellen Vorstellungen. Die einen zog es zu Perlan, einem futuristischen anmutenden Bau, der eine gelungene Mischung aus Pragmatismus, Gigantismus, High-Tech und Freizeit-Vergnügen verkörpert. In den Tanks befinden sich 24 Mio. l Thermalwasser, das aus den heißen Quellen um und in Reykjavik kommend, dort gesammelt wird und der Beheizung der Häuser, Schwimmbäder und auch einiger Straßen dient. Die Innenfläche zwischen den mit Spiegelglas verbundenen Tanks bietet Raum für einen Wintergarten von 1.000 m² Grundfläche, in dem die Palmen und Feigenbäume durch ein vollautomatisches Sprinklersystem bewässert werden. Eine Wendeltreppe führt in die Spiegelkuppel hinauf, von der aus man das Schauspiel des Springbrunnens, der den Ausbruch eines Geysirs simuliert, beobachten kann. Automatisch schießt alle 5 Minuten eine 15 m hohe Fontäne empor, der sogar die faszinierende Wasserglocke des Originals vorausgeht.

Einige frönten ihrem Einkaufstrieb und gustierten dabei Farben und Muster wunderschöner Island-Pullis mit ihrer Garderobe und den Rest zog den Besuch des Hard-Rock Cafés vor.

An unserem letzten Abend im hohen Norden, trafen wir uns mit Birgirk, einem hiesigen Pfadfinderführer, der uns an so manchen Lagerabend Gesellschaft leistete, um auch das Nachtleben von Reykjavik ein wenig kennenzulernen. Nachdem wir den Abend in gemütlichen Lokalen fröhlich verbracht hatten trennten wir uns fast schweren Herzens und traten schließlich mit dem letzten Bus unseren nach Hause Weg an.

Starke Nerven zum Schluß

So, nun hieß es packen alles so gut wie möglich zu verstauen und schnell schlafen, denn um 4 Uhr morgens hieß es bereits Tagwache. Bis dahin war ja noch alles nach Zeitplan, selbst wir waren Punkt fünf Uhr abholbereit – aber was nützt das, wenn uns keiner holen will! Also hieß es nun starke Nerven bewahren, nur nach einer halben Stunde Verspätung wurde sogar ich leicht nervös. Wir befürchteten schon den Flieger zu verpassen, doch kurz vor 6 Uhr schlug sich diese Befürchtung in Hoffnung nieder. Der nächste Schock war dann noch die Menschenmasse am Flughafen, der nur 10 Schalter besitzt und davon wurden dann noch zwei während dem Check-In geschlossen! Wir hetzten von einer Menschentraube zur nächsten, denn nun wollten wir natürlich noch die Steuer unserer Einkäufe refundiert haben, aber dies war noch nicht alles: zu guter letzt hatte man noch unseren Flug von Frankfurt nach Wien annuliert und hatten dann gute drei Stunden damit zu tun unsere Tickets umzubuchen, aber trotz allem war dieses Lager für mich ein wirklich tolles Erlebnis, das sicher nicht so schnell in Vergessenheit gerät.

Ulrike E. Hauer

Pfadfinder*innen Gruppe 27